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Integrationsdebattenverweigerer

Bei diesen ganzen Integrationsdebatten sollte ich mich da eigentlich erst garnicht angesprochen fühlen, denn eine “Integration” habe ich genauso wenig nötig wie Sarrazin, Schwarzer, Giordano und Co., denn ich denke, dass ich einen ähnlichen Hintergrund habe wie sie: ich bin hier geboren, hier aufgewachsen, bin nicht bildungsfern und spreche sogar Hochdeutsch (man stelle sich das mal vor…). Dennoch werde ich dazu aufgefordert mich zu “integrieren”, so in etwa mit dem wunderschönen Satz “Die Muslime müssen sich integrieren!” Und ich bin Muslim!

Ich hätte jetzt einfach gesagt *findet den Fehler* und wir hätten mal dieses Spiel spielen können, aber lange vor Neubeginn dieser haarsträubenden Debatten hatte ich bereits diesen Artikel auf muslim-generation.de geschrieben. All diese Diskussionen und diese Thematik im TV und in der Politik haben inhaltlich absolut nichts mit mir zu tun, außer der Tatsache, dass ständig der Begriff “Muslim” fällt. DER MUSLIM muss sich integrieren!

Was ist das? Eine neue Form von Rassismus? Religionsbezogener Rassismus? Wir leben in Zeiten, in denen bereits eine “biologische” Türkin einen “biologischen” Deutschen auffordert sich zu integrieren, wie wir es vor kurzem bei Kerner erleben durften. Ich verweigere die Integrationsdebatte, weil diese eine einseitig geführte Hetzdebatte ist, die einfach nur nervt. Ich sag dazu nur noch IS JUT JETZT! Deutscher Muslim und hier Daheim! Wisst ihr was der Schriftsteller Jakob Wassermann mal sagte?

“Ich bin Deutscher und ich bin Jude – beides in gleicher Weise – und das eine lässt sich vom anderen nicht trennen.”

– Jacob Wassermann (1921), Schriftsteller

Einer Studie zufolge nehme die Gewaltbereitschaft von muslimischen Jugendlichen zu, je gläubiger sie werden. Junge männliche Muslime, die sich als “religiös” oder “sehr religiös” bezeichnen, begehen häufiger Gewalttaten als weniger Gläubige. Die Medien schlachten dieses Thema nun genüsslich aus. Viele Islamophoben freuen sich über diese Verallgemeinerung und Verdrehung mancher tendenziöser Berichterstattungen und hätten von dieser “Tatsache” ja schon lange gewusst. Ich habe mir gedacht auch mal eine Stellungnahme dazu abzugeben.

Was will uns diese Studie, oder viel besser gesagt: was will uns dieser STERN-Artikel weis machen mit seinem Titel “Muslimische Jugend neigt eher zu Gewalt”?

Doch nur das hier:
Muslime sind gefährlich. Je religiöser sie sind, desto bedrohlicher. Man muss sie aufhalten und ihnen alle Rechte nehmen, die sie nutzen könnten, um ihre Kinder weiterhin islamisch zu erziehen. Sie müssen sich vom Islam entfernen. Alles nur nicht der Islam. Der Islam muss abgeschafft werden.

Mein Anliegen hier wird sein, zu beweisen, dass die Aussage, diese Jugendlichen seien aufgrund ihrer hohen Religiosität gewalttätig, d.h. dass ihre Gewaltbereitschaft und ihr Hang zur Kriminalität am Islam liegt, falsch ist.

Was mich an dieser Studie stutzig macht, ist die Behauptung, dass die Gewalttäter „streng/sehr religiös“ seien. Denn was heißt sehr religiös im islamischen Kontext? Fünfmal am Tag beten, am Freitag in die Moschee gehen und im Ramadan zu fasten? Als praktizierender Muslim würde ich dies allein noch als „leicht religiös“ bezeichnen. Streng religiös im islamischen Kontext bedeutet intensiv auf die Gebote und Verbote wert zu legen und sich weiterzubilden. Nach einer Studie sind in Deutschland nur 5-10% diesen zuzuordnen.

Ich werde euch mal anhand der Logik erklären, warum da kein Zusammenhang zwischen Islam und Kriminalität bestehen kann. Denn ich bin mir 100% sicher: Je fester man in der Religion (dem Islam) verankert ist, desto gewaltloser und macholoser ist man.

Dazu verwende ich auch gern einen Syllogismus (logische Schlussfolgerung):

-> Islam verbietet Diebstahl. (Sehr) Religiöse Menschen stehlen nicht.

-> Muslim A hat etwas geklaut.

Also gilt: Muslim A ist nicht sehr religiös. Er beging eine Sünde. Und Sünden begehen (d.h. die Gebote und Verbote nicht zu beachten) ist ja wohl kaum im Sinne der Religion.

Genau wie man dies von einem Christen als Widerspruch empfinden würde, ist es ein Widerspruch für einen praktizierenden (sehr religiösen) Muslim. Diebstahl und gewalttätiges Verhalten haben überhaupt keinen Platz im Islam und sind dort genauso verpönt wie in anderen Weltanschauungen.

Der Islam ruft dazu auf gut mit seinem Nachbarn und Mitmenschen umzugehen und freundlich zu den Menschen zu sprechen.

“Und dient Allah und stellt Ihm nichts an die Seite, und erweist den Eltern Wohltaten und ebenso den Verwandten, Waisen und Armen, den nahe ­stehenden Nachbarn und den fernen Nachbarn, dem Gefährten an (eurer) Seite und dem Reisenden und denen, die euch gehören. Wahrlich, Allah liebt nicht die, die überheblich (und) stolz sind.” (Quran 4:36)

Mit “Nachbarn” sind alle gemeint, die wir kennen und die wir nicht kennen, egal ob sie nah oder entfernt von uns wohnen oder in einem völlig anderen Gebiet leben.

Das Wesen des Islam ist, Allah zu dienen und den Mitgeschöpfen Gutes zu tun. Dies ist umfassender als “Liebe Allah und deinen Nächsten”, denn es beinhaltet auch Pflichten gegenüber Tieren, die unsere Mitgeschöpfe sind, und die Betonung liegt auf tätigem Dienst, nicht so sehr auf Gefühlen.

Unser Prophet Muhammed, Allahs Frieden und Segen auf ihm, hat oft die moralische Verpflichtung eines Gläubigen gegenüber seinen Nachbarn betont, ungeachtet dessen Religionszugehörigkeit. Seine Haltung hat er in folgenden Worten zusammengefasst: “Wer an Allah und den Jüngsten Tag den Iman verinnerlicht hat, soll seinem Nachbarn Gutes tun.”

Und unser Prophet (a.s.) sagte auch:

“Der Beste unter euch ist derjenige, der seine Frau am besten behandelt, und ich bin ein Vorbild in der Behandlung meiner Familie.” (Tirmidhi)

Also was soll hier demnach “sehr religiös” bedeuten?!

Wer hat hier die relativen Begriffe wie Religiosität und Gewaltbereitschaft definiert? Für den einen ist man schon religiös wenn man kein Schweinefleisch isst, aber ansonsten nicht praktiziert. Für den anderen ist Gewaltbereitschaft schon, wenn man im Karateverein angemeldet ist.

Ich spreche aus Erfahrungen in Bekanntenkreisen, wenn ich sage, dass dies meistens bedeutet: “Mir bedeutet meine Religion viel!” Aber praktizierend sind sie meistens nicht.

Verrichten das Gebet nicht (was der wichtigste Faktor ist, um sich überhaupt “praktizierend” nennen zu dürfen) oder nur sehr unregelmäßig, fasten kaum bis gar nicht, haben Sex vor der Ehe, konsumieren Alkohol ohne schlechtes Gewissen oder sind in Schlägereien verwickelt (obwohl jemandem ins Gesicht zu schlagen islamisch absolut verboten ist), machen lauter solcher negative Sachen, die im Widerspruch zum islamischen Glauben stehen. In Ermangelung einer festen Identität machen sie sich dann zu überzeugten (sehr religiösen) Muslimen: “Ich tu alles, um den Islam zu verteidigen. Sagst du etwas Schlechtes kriegst du aufs Maul!”

Allein aus einer logischen und objektiven Perspektive betrachtet: Wie kann so einer noch als “sehr religiös” bezeichnet werden?

Keine Kenntnis der Religion dürfte wohl bei solchen Aussagen und Taten eher der Grund für ihre subjektiv gefühlte Religiosität sein.

Da fällt mir auch ein sehr passendes Zitat ein:

„Ist es nicht sonderbar, dass die Menschen so gerne für die Religion fechten, und so ungern nach ihren Vorschriften leben?“
(Georg Christoph Lichtenberg)

Ich kritisiere nicht diese Studie an sich und behaupte keinesfalls, dass die Zahlen gezinkt wurden oder sie mit einer bestimmten Absicht heraus gemacht wurde oder ähnliches. Wie viele andere wundere ich mich aber, wie die Leute, die diese Studie gemacht haben, so nachlässig sein konnten, die Selbstaussagen der “streng/sehr gläubigen muslimischen 14-16 Jährigen” nicht auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen.

Sie hätten zum Beispiel fragen können: Wie äußert sich deine strenge Gläubigkeit in der Praxis?

Das ist eine große Lücke in dieser Studie, weswegen die zwei-Seiten-Zusammenfassung des 324 Seiten langen Berichts ein gefundenes Fressen für islamophobe Leute wie Necla Kelek darstellt, die diese Welt wieder mal mit ihren Vermutungen beglücken dürfen.

Christian Pfeiffer bietet mehr als nur das, was “der Spiegel” von ihm zitiert. Etwas höchst Interessantes könnt ihr bei dem hier lesen, der sich die gesamte Studie angeschaut hat.

Ich lass auch gerne andere zu Wort kommen:

“Auch bei anderen kriminellen Gangs ist festzustellen, dass sie sich für religiös halten, obwohl sie Taten begehen, die im krassen Gegensatz zu ihrer Religion stehen (die katholische Mafia, oder die Latino- und AfricanAmerican-Gangs in den USA, die große Kreuze tragen und regelmäßig zum Beten in die Kirche gehen. Teilweise beten sie sogar vor ihren Taten und bitten um Gottes Beistand).  Bei diesen Beispielen würde man auch nicht einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Gewaltbereitschaft herstellen.” (Zitat)

“Zum Schluß noch ein kleines Gedankenspiel: Wenn man in Deutschland eine Umfrage macht und die Leute fragt “Zu welcher Schicht zählen Sie sich?” wird wahrscheinlich die überragende Mehrheit sagen “Mittelschicht”. Denn wer zählt sich schon zur Unterschicht oder gar zur Oberschicht? Es ist eigenes Ermessen und eine richtige Definition dafür gibt es nicht, zumindest denke ich, kennen die Leute diese nicht. Nun könnten wir ja mal schauen wie gewalttätig die deutsche Mittelschicht ist. Was für Ergebnisse erhält man damit wohl? Und wie aussagekräftig sind diese?” (Zitat)

Der Stern sagt auch: “Die Studie zeige auf, dass die große Mehrheit von Imamen oft ohne Sprach- und Kulturkenntnisse aus dem Ausland nach Deutschland kämen und reaktionäre Männlichkeitsvorstellungen vermittelten.”

Ich sag es immer wieder: KULTUR nicht mit Religion verwechseln!

Das sind zwei völlig unterschiedliche und unabhängige Dinge. Deswegen bin ich auch ein Anti-Traditions-Muslim. Für weniger Tradition und mehr Islam.

Übrigens findet man diese Machokultur auch in christlich-südeuropäischen Ländern sowie in Lateinamerika. Dies kann man ebenfalls nicht einfach auf das Christentum zurückführen.

Und es sieht eher danach aus, dass dieses Macho-Verhalten eher von bestimmten “Stars” aus MTV oder VIVA kopiert wird, die leider als Vorbilder dienen.

Integration

Der Islam wurde in Deutschland zuerst als eine türkische Religion verstanden und nicht als Weltreligion. So sprach man von der “türkischen Bibel”, wenn man den Quran meinte. Daran hat sich heute leider auch nicht viel geändert. So fragte z.B. ein Mann eine konvertierte Deutsche Frau in einer Talkshow: Wie willst du den Koran denn überhaupt lesen?! Du kannst doch kein Türkisch!”

Wenn man in eine nichttürkische Moschee geht, dann sieht man Schwarzafrikaner, Bosnier, Albaner, Araber und Deutsche. Diese können sich nicht auf eine andere Sprache einigen als auf Deutsch. Deshalb ist die Khutba (Predigt), je nach dem woher der Imam kommt, halb-bosnisch oder halb-arabisch und die andere Hälfte Deutsch. Die Verkehrssprache der Muslime in diesen Gemeinden ist daher selbstverständlich Deutsch.

Wenn man in eine türkische Moschee geht, wie z.B. die der DITIB, dann hat man manchmal den Verdacht, man verlasse Deutschland… Es sieht türkisch aus, es klingt türkisch, das Fernsehen (welches sich in Teehäusern befindet) ist Tag und Nacht türkisch, die Zeitung ist türkisch, die Sprache des Imams ist türkisch uuund alle Gläubigen sind ausnahmslos türksich.

Dieses Kohärent ist ein Vorteil, wenn es darum geht Spenden zu sammeln, Moscheen zu bauen und sich gegenseitig zu unterstützen. Aber es ist ein Handycap, wenn es darum geht den Islam in Deutschland zu integrieren. Insbesondere, wenn Deutsche wahrnehmen, dass die Imame in der Türkei staatlich ausgebildet, staatlich bezahlt und von Staats wegen nach Deutschland geschickt werden. Das Vorurteil, dass der Islam nicht nur eine türkische Religion ist, sondern durch DITIP sogar eine staatlich-türkische Religion, führt zu Gegenkräften. Das heißt aber nicht, dass alles, was hier zu Widerstand in Deutschland führt, von Türkischen Muslimen erzeugt wird. Dies ist ein „Ping-Pong“ Spiel. Aber ein Teil der Schuld daran liegt doch schon bei solchen (türkischen) Gemeinden.

Die Integration der Türken fing mit einem großen Handycap an. Die Inder und Pakistaner konnten Englisch sprechen als sie in England ankamen und waren sofort Staatsbürger, weil Indien Mitglied des Commonwealth war. Die Muslime in Frankreich konnten schon teils Französisch, weil die meisten aus Nordafrika kamen. Die türkischen Gastarbeiter in Deutschland jedoch konnten weder Deutsch sprechen, noch waren sie gebildet, weil sie aus Anatolien kamen und nicht aus Istanbul. Dies alles neben falscher Integrationspolitik und unschöner Umgang mit den Gastarbeitern (z.B. nannte man jeden einfach „Achmet“ und man verzichtete auf richtige Namensnennung).

Nur eine Frage der Zeit

Die erste Generation der Türken in Deutschland ist froh, wenn sie geduldet wird. Die zweite Generation sitzt zwischen zwei Stühlen. Wenn sie in der Türkei auf Urlaub sind, werden sie als „Almanlar“ belächelt und hier sprechen sie Deutsch mit türkischem Akzent. Man könnte sagen, dass sie zu keiner „Seite“ wirklich gehören. Ich bin aber davon überzeugt, dass die dritte Generation den Durchbruch schafft und die Sache mit der „Integration“ sich erledigt haben wird. Dies Erkennen wir z.B. schon an muslimischen Studenten und Akademikern.

Das Integrationsproblem ist meiner Ansicht nach nur eine Frage der Zeit. Die meisten Menschen in den (türkischen) Moscheen – wie ich beobachtet habe – sind Rentner. Der Grund, warum diese bis heute nur ihre Landessprache können, ist u.a., weil sie als Gastarbeiter anfangs nicht vorhatten in Deutschland zu bleiben. Ein anderer Grund ist, dass sie wegen der seltsamen Behandlung hier lieber unter sich geblieben sind. Wegen der mangelhaften Beherrschung der deutschen Sprache werden die Predigten in solchen Moscheen bis heute noch ausschließlich in Türkisch gehalten. Die Anzahl der älteren (türkischstämmigen) Migranten (heute hauptsächlich Rentner) wird immer geringer, was zur Folge haben wird, dass die dritte Generation der Muslime prozentual gesehen die absolute Mehrheit bildet, welche hier geboren, aufgewachsen und selbstverständlich auch der Deutschen Sprache mächtig sind. Daher finde ich es übertrieben zu sagen, dass die Integration schon gescheitert sei.

Ich stelle aber fest, dass oft türkische Ehefrauen und Ehemänner aus Anatolien nach Deutschland „importiert“ werden, sodass keine dritte Generation entsteht und alles wieder bei Null anfängt. Ich finde dies sehr, sehr schade. Ich habe aber erfahren, dass demnächst Frauen und Männer zuerst einen Deutschkurs in ihren jeweiligen Ländern belegen müssen bevor sie einreisen dürfen, was die Situation doch wieder ein wenig verbessert.

Die dritte Generation hätte an sich ja eine sehr gute Chance, vor allem, weil sie besser Kölsch spricht als türkisch. Diese Generation stellt aber wiederum fest, dass sie immer noch Probleme mit der Akzeptanz hat, weil der Vorname „Muhammed“ ist. So nehmen viele solcher jungen Türken Oppositionen, nach dem Motto: “Ihr wollt uns nicht, wir wollen euch auch nicht”. So kommt es zu einer Art von “Clash”. Dies trifft nicht im Falle von Akademikern zu, aber doch für eine Reihe weniger begünstigten türkischen Jugendlichen, die auf Konfrontationen mit dieser Gesellschaft leben, aus dem richtigen Gefühl als Muslime zu Unrecht nicht akzeptiert zu sein.

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